DIE WAHRHEIT UND DAS LEBEN

A-Ronne verschränkt mit vier achtstimmigen Motetten von J.S. Bach
Ein Abend ohne Pause für acht Sänger*innen und Continuo.

The musical sense of A-Ronne is to be found in the relation that is established between a written text and a “grammar”
of vocal behaviour, between a poem that is constantly faithful to its own words and a vocal articulation that continuously

modifies its meaning and its referential aspects.“ L. Berio

Acht Menschen, sieben Sprachen, treffen aufeinander. Sie ringen um Worte. Sie ringen mit Worten. Sie zitieren die Bibel und Goethe, der Faust die Bibel übersetzen lässt. Jemand hat das kommunistische Manifest dabei. Ein anderer Roland Barthes. Eine dritte T.S. Eliot. Sie untersuchen, üben, erforschen, sezieren Worte und Phrasen, bauen sie um und geben ihnen neue Bedeutungen. Es wird gesprochen, geflüstert, gestottert, geliebt, gelehrt, gelacht. Eine Art Madrigal taucht auf. Später werden barocke Koloraturen exerziert. Es geht um die ganz großen Fragen, die gleichzeitig das Stück gliedern: Was war am Anfang, wo ist die Mitte, was ist das Ende, dennoch ist der Diskurs alles andere als sachlich. Die Stimmung ist affektgeladen und hochemotional. Theater für die Ohren, wie Berio selbst schreibt.
Mittendrin treffen diese Menschen in Bachs Motetten zusammen. Bach ist gewissermaßen selbst Anfang, Mitte und Ende – ein Ausgangspunkt für jedweden Ensemblegesang, der Konsens. Die Mitte der abendländischen Musikgeschichte und der Höhepunkt dessen, was wir heute der Alten Musik zuordnen und zugleich wegweisend in die kommende Klassik. Seine Motetten das leuchtende Ende einer sterbenden Musikgattung. Bach scheint klar und logisch, seine Schönheit ist berauschend, die musikalische Qualität über jede Kritik erhaben. Wir haben die Motetten unzählige Male gehört, vielleicht selbst gesungen, sie sind eine Art musikalisches Zuhause. Berio und Bach bilden einen reizvollen Kontrast zueinander, vor allem dadurch, dass Bach, obgleich seine Musik knapp 300 Jahre alt, uns so sehr vertraut ist, und Berio doch eher fremd, obwohl seine Musik vergleichsweise jung ist. Kommentiert, hinterfragt Berio sich in A-Ronne stets selbst, in dem er die immer gleichen Worte immer neu bis in ihre kleinsten Bestandteile zerlegt, neukombiniert und arrangiert, bekommt er mit dem eingeschobenen Bach nun noch einen zeitlichen Kommentator hinzu. Die Vergangenheit, die Tradition, und das Vertraute scheint auf das Neue, das scheinbar Chaotische, das Spielerische, und beleuchtet es von einem weiteren Blickwinkel. Aber das gilt natürlich auch umgekehrt.

...Dass das Konzept aufgeht, liegt an den acht Sänger*innen, die sich im zeitgenössischen wie barocken Repertoire
ungemein sicher bewegen und sich Berios Musik mit einer guten Mischung aus Ernst und Finesse nähern.

 Rhein-Neckar-Zeitung

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