A THEATRE FOR THE EARS

Ein Abend ohne Pause für acht Sänger*innen

mit Madrigalen aus Frühbarock und Renaissance, verschränkt mit A-Ronne von Luciano Berio

"Wenn gleich ihr, geehrte Zuschauer, gewohnt seid / Nur tragische Schaustellungen / Oder komische
Zurüstungen / In mannigfacher Weise geschmückt zu betrachten / So verschmähet darum nicht /
Diese unsere Komödie / ....Wisset aber indes / Dass dies Schauspiel, von dem ich spreche / Nur mit
dem Geiste erschaut wird / In den es durchs Ohr, nicht durchs Auge eindringt. / Drum haltet Ruhe /

und statt zu sehen, höret nun!" 

Lelio in Orazio Vecchis L ́Amfiparnaso

Acht Menschen, sieben Sprachen, treffen aufeinander. Sie ringen um Worte. Sie ringen mit Worten. Sie zitieren die Bibel und Goethe, der Faust die Bibel übersetzen lässt. Jemand hat das kommunistische Manifest dabei. Ein anderer Roland Barthes. Eine dritte T.S. Eliot. Sie untersuchen, üben, erforschen, sezieren Worte und Phrasen, bauen sie um und geben ihnen neue Bedeutungen. Es wird gesprochen, geflüstert, gestottert, geliebt, gelehrt, gelacht. Eine Art Madrigal taucht auf. Später werden barocke Koloraturen exerziert. Es geht um die ganz großen Fragen, die gleichzeitig das Stück gliedern: Was war am Anfang, wo ist die Mitte, was ist das Ende, dennoch ist der Diskurs alles andere als sachlich. Die Stimmung ist affektgeladen und hochemotional.
Ursprünglich für eine Radioübertragung geschrieben, steht A-Ronne in der Tradition des späten Madrigals des 16. Jahrhunderts. Kurz bevor Claudio Monteverdi mit L ́Orfeo der Musikgeschichte eine entscheidende neue Wendung gab, waren die mehrstimmigen Madrigale die beliebteste Gattung ihrer Zeit und Spielwiese für ihre Komponisten. Sie erzählen vom Leben der Menschen, vom Lieben, vom Leiden, von Hunger und Lust, komisch, tragisch, ironisch, berührend. In Vecchis Madrigalkomödie L ́Amfiparnaso gibt es noch keine sichtbare Szenerie und keine Solisten, aber dennoch äußerst klar umrissene Figuren der Commedia dell ́Arte, von denen jede fünfstimmig liebt, schimpft, intrigiert, spottet. Dieser Punkt der Musikgeschichte interessiert uns: kurz bevor sich die Szene mit der Musik verband und all die Dramatik, die den Gedichten längst innewohnte, mit rein kompositorischen Mitteln ausgedrückt werden musste.
Die Musik von Gesualdo, Vecchi, Gabrieli, Monteverdi und Zeitgenossen verschränken wir mit A-Ronne von Luciano Berio und schlagen eine Brücke von der frühen Blütezeit des Ensemblegesangs bis in die Gegenwart. Mögen sie stilistisch auch weit auseinander liegen – was noch zu beweisen wäre – in ihrem emotionalen Gehalt kommen sie zusammen und gerade dieser starke Kontrast lässt die einzelnen Werke in neuem Licht heller scheinen. Ein Abend, der rasant durch Zeiten, Affekte und Sprachen steuert oder um mit Berio zu sprechen: A theatre of the mind.

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